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© Ronny Leber

„Wer sich emo­tio­nal gebun­den fühlt, kün­digt seltener“

Mensch­li­che und emo­tio­na­le Aspek­te bekom­men im Kon­text mit dem The­ma Mit­ar­bei­ter­bin­dung eine immer grö­ße­re Bedeu­tung. Ron­ny Leber, erfah­re­ner Exe­cu­ti­ve-Coach, erläu­tert im Gespräch mit eco­no­my Stra­te­gien im Umgang zwi­schen Unter­neh­men und ihren MitarbeiterInnen.

Eco­no­my : Was sind erfah­rungs­ge­mäß wich­ti­ge Ritua­le, die zu einer star­ken Bin­dung von Mit­ar­bei­te­rIn­nen beitragen ?
Ron­ny Leber : Es geht um Emo­tio­nen. Aus mei­ner Erfah­rung mit inter­na­tio­na­len Unter­neh­men gehört etwa ein emo­tio­na­les Will­kom­mens­ri­tu­al am ers­ten Arbeits­tag dazu. Das Unter­neh­men John Dee­re berei­tet für neue Mit­ar­bei­ten­de den Arbeits­platz schon vor dem ers­ten Tag per­fekt vor : per­sön­li­che Will­kom­mens­schil­der, klei­ne Auf­merk­sam­kei­ten am Arbeits­platz und ein erfah­re­ner Kol­le­ge, der durch den ers­ten Tag führt. Dadurch ent­steht sofort eine emo­tio­na­le Bin­dung, ein ech­tes Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl und Wert­schät­zung vom ers­ten Tag an.

Gibt es noch ande­re Beispiele ?
Ein neu­er Mit­ar­bei­ter muss spü­ren, dass er per­sön­lich wert­ge­schätzt und will­kom­men ist und das erreicht man auch über regel­mä­ßi­ge Aner­ken­nungs­ri­tua­le für klei­ne und gro­ße Erfol­ge. Ein gutes Bei­spiel dafür ist die Hotel­grup­pe Ritz-Carl­ton. Dort fin­det jeden Tag ein soge­nann­tes „Dai­ly Line-Up“ statt – ein kur­zes, gemein­sa­mes Tref­fen, bei dem Erfol­ge geteilt und Mit­ar­bei­ten­de her­vor­ge­ho­ben wer­den, die Beson­de­res geleis­tet haben. Ähn­li­ches macht Hub­S­pot mit ihrem soge­nann­ten „Cham­pa­gner-Moment“, wo das Team jeden gewon­ne­nen Kun­den gemein­sam fei­ert. Das schafft regel­mä­ßi­ge Momen­te des Stol­zes, der Gemein­schaft und emo­tio­na­ler Bindung.

Wel­che Rol­le kön­nen Füh­rungs­kräf­te spielen ?
Es braucht per­sön­li­che und authen­ti­sche Wert­schät­zungs­ri­tua­le durch die Füh­rungs­kraft. Beson­ders wir­kungs­voll sind hier Ritua­le, die nicht stan­dar­di­siert, son­dern indi­vi­du­ell und authen­tisch sind. Ein Bei­spiel dafür kön­nen hand­schrift­li­che Dan­kes­brie­fe sein, die Füh­rungs­kräf­te spon­tan an Mit­ar­bei­ten­de ver­schi­cken, wenn die­se etwas Beson­de­res geleis­tet haben. Sol­che authen­ti­schen, per­sön­li­chen Ritua­le wir­ken emo­tio­nal beson­ders stark, da Mit­ar­bei­ten­de mer­ken, dass ihre Arbeit indi­vi­du­ell gese­hen und wert­ge­schätzt wird.

Gibt es umge­kehrt Ritua­le, die Ihrer Mei­nung nach nicht mehr zeit­ge­mäß sind ?
Ja, mei­ner Mei­nung nach sind Ritua­le nicht mehr zeit­ge­mäß, die ledig­lich ober­fläch­li­che, unper­sön­li­che Stan­dard­lö­sun­gen dar­stel­len oder deren Sinn nicht mehr klar erkenn­bar ist. Bei­spiels­wei­se der klas­si­sche Obst­korb oder ähn­li­che gene­ri­sche Maß­nah­men. So was wird heu­te häu­fig eher als selbst­ver­ständ­lich oder lieb­los wahr­ge­nom­men, gera­de wenn sie ohne ech­ten Bezug zum Team oder zum Unter­neh­mens­zweck ein­ge­setzt wer­den. Mit­ar­bei­ten­de erwar­ten heu­te mehr per­sön­li­che und indi­vi­du­el­le Wert­schät­zung als gene­ri­sche Goodies.

Gibt es noch ande­re nicht mehr pas­sen­de Formen ?
Ja, ver­pflich­ten­de sozia­le Events außer­halb der Arbeits­zeit. Gera­de in einer Zeit, in der Work-Life-Balan­ce und Fle­xi­bi­li­tät groß­ge­schrie­ben wer­den, wir­ken ver­pflich­ten­de „After-Work“-Events oft eher demo­ti­vie­rend. Sinn­vol­ler sind frei­wil­li­ge Ange­bo­te, bei denen Mit­ar­bei­ten­de eigen­stän­dig ent­schei­den kön­nen, ob und wie sie teil­neh­men wol­len. Auch rein gewohn­heits­be­ding­te Mee­tings ohne kla­re Ziel­set­zung soll­ten neu aus­ge­rich­tet oder abge­schafft wer­den, da sie eher als „Zeit­fres­ser“ wahr­ge­nom­men werden.

Wel­chen Stel­len­wert haben Ritua­le bei Unter­neh­men in Zei­ten von hybri­den Arbeitsmodellen ?
Ritua­le haben gera­de jetzt in Zei­ten von hybri­den Arbeits­mo­del­len enorm an Bedeu­tung gewon­nen, weil sie das Gemein­schafts­ge­fühl auch über räum­li­che Distanz hin­weg auf­recht­erhal­ten. Ein Bei­spiel sind regel­mä­ßi­ge vir­tu­el­le Check-ins, soge­nann­te „Wins-of-the-Week“-Runden, wo Mit­ar­bei­ten­de wöchent­lich ihre Erfol­ge tei­len und gemein­sam fei­ern kön­nen. Sol­che Ritua­le schaf­fen regel­mä­ßig emo­tio­na­le Ver­bin­dungs­mo­men­te, egal von wo aus Mit­ar­bei­ten­de teilnehmen.

Was gilt es bei Ritua­len zu beachten ?
Gera­de weil das Team sich sel­te­ner per­sön­lich sieht, wer­den rea­le Tref­fen noch wert­vol­ler und soll­ten beson­ders bewusst gestal­tet wer­den. Bei­spiels­wei­se jähr­li­che oder halb­jähr­li­che Team-Retre­ats oder beson­de­re Work­shop-Tage, bei denen das gemein­sa­me Erleb­nis, das per­sön­li­che Mit­ein­an­der und die Unter­neh­mens­kul­tur im Fokus ste­hen. Ritua­le sind in hybri­den Teams kei­ne rei­ne „Nice-to-have“-Maßnahme mehr, son­dern ent­schei­dend, um lang­fris­tig die emo­tio­na­le Bin­dung ans Unter­neh­men und den Zusam­men­halt inner­halb des Teams zu stärken.

Wie kann ich neue Mit­ar­bei­ten­de durch Ritua­le schnel­ler ins Team und in die Unter­neh­mens­pro­zes­se einführen ?
Neue Mit­ar­bei­ten­de pro­fi­tie­ren beson­ders von geziel­ten Ritua­len, die ihnen hel­fen, sich emo­tio­nal und fach­lich schnel­ler zurecht­zu­fin­den. Ein Bei­spiel ist ein ganz bewusst gestal­te­ter ers­ter Arbeits­tag („First-Day-Expe­ri­ence“), etwa mit einem Will­kom­mens­mee­ting mit dem gesam­ten Team, wo sich jeder kurz vor­stellt und den neu­en Kol­le­gen herz­lich will­kom­men heißt. Ergän­zend per­sön­li­che Ges­ten, wie vor­be­rei­te­te Arbeits­plät­ze, Will­kom­mens­ge­schen­ke oder einen kla­ren Ansprech­part­ner, der emo­tio­nal und fach­lich unterstützt.

Wel­che Bedeu­tung kön­nen Men­to­ren haben ?
Die soge­nann­ten Men­to­ren- oder Bud­dy-Ritua­le sind ein wich­ti­ger Punkt.Ein erfah­re­ner Kol­le­ge beglei­tet den neu­en Mit­ar­bei­ten­den gezielt über meh­re­re Wochen und inte­griert ihn in bestehen­de Unter­neh­mens­ri­tua­le, wie Team-Mee­tings, Feed­back-Gesprä­che oder Pro­jekt­mee­tings. Dadurch wird nicht nur die sozia­le Inte­gra­ti­on, son­dern auch der fach­li­che Ein­stieg erleich­tert. Gene­rell ist eine früh­zei­ti­ge Ein­bin­dung in bestehen­de Ritua­le zielführend.

Fir­men­ri­tua­le gel­ten zuneh­mend als Geheim­waf­fe gegen Kün­di­gun­gen. War­um ist das so ?
Fir­men­ri­tua­le schaf­fen star­ke, emo­tio­nal ver­bin­den­de Momen­te und eine authen­ti­sche Unter­neh­mens­kul­tur. Mit­ar­bei­ter ver­las­sen sel­ten ein Unter­neh­men, son­dern meist ein Umfeld, in dem sie sich nicht gese­hen, wert­ge­schätzt oder emo­tio­nal ver­bun­den füh­len. Ritua­le wir­ken genau an die­ser Stel­le, denn sie schaf­fen wesent­li­che Bin­dungs­fak­to­ren, die Kün­di­gun­gen stark reduzieren.

Was gehört zu die­sen Bindungsfaktoren ?
Eben genau die­se emo­tio­na­le Zuge­hö­rig­keit. Men­schen wol­len sich nicht nur als „Arbeits­kraft“, son­dern als wich­ti­ger Teil einer Gemein­schaft füh­len. Ritua­le wie gemein­sa­me Fei­ern von Erfol­gen, regel­mä­ßi­ge Aner­ken­nung und gemein­sa­me Erleb­nis­se füh­ren dazu, dass Mit­ar­bei­ten­de eine star­ke emo­tio­na­le Ver­bun­den­heit zur Fir­ma und zu ihren Kol­le­gen emp­fin­den. Im Effekt bedeu­tet das : Wer sich emo­tio­nal gebun­den fühlt, kün­digt wesent­lich sel­te­ner, da eine tie­fe emo­tio­na­le Ver­bin­dung ent­steht, die über rei­ne Bezah­lung oder ande­re ober­fläch­li­che Fak­to­ren hinausgeht.

Was ist hier noch erwähnenswert ?
Das The­ma per­sön­li­che Wert­schät­zung. Durch geziel­te Ritua­le wie per­sön­li­che Begrü­ßun­gen, authen­ti­sche Aner­ken­nung durch Füh­rungs­kräf­te oder indi­vi­du­el­les Onboar­ding erle­ben Mit­ar­bei­ten­de direkt und regel­mä­ßig, dass sie indi­vi­du­ell wahr­ge­nom­men, geschätzt und aner­kannt wer­den. Auch das erzeugt einen Effekt : Mit­ar­bei­ter, die per­sön­li­che Wert­schät­zung erle­ben, haben höhe­re Loya­li­tät, grö­ße­re Moti­va­ti­on und iden­ti­fi­zie­ren sich emo­tio­nal stär­ker mit dem Unter­neh­men. Dadurch wird ihre Bereit­schaft zur Kün­di­gung deut­lich verringert.

Wel­che Bedeu­tung hat das The­ma Identifikation ?
Sinn­stif­tung und Iden­ti­fi­ka­ti­on heißt etwa, dass regel­mä­ßi­ge Ritua­le ver­mit­teln kön­nen, wofür ein Unter­neh­men steht, wel­che Wer­te es lebt und war­um der Bei­trag jedes Ein­zel­nen Sinn ergibt. Durch klar defi­nier­te Ritua­le wie täg­li­che Stand-Ups, bei denen Erfol­ge geteilt wer­den oder ein wöchent­li­ches Team-Ritu­al, ent­steht eine Sinn­stif­tung, die weit über mone­tä­re Anrei­ze hin­aus­geht. Auch hier gibt es den Effekt, dass Mit­ar­bei­ten­de damit den Sinn ihrer Arbeit regel­mä­ßig erle­ben und eben eine tie­fe­re Iden­ti­fi­ka­ti­on und ein Com­mit­ment ent­wi­ckeln. Sinn­haf­tig­keit redu­ziert Frus­tra­ti­on, erhöht Zufrie­den­heit und senkt die Wahr­schein­lich­keit, das Unter­neh­men zu verlassen.

Kön­nen Sie eine zusam­men­fass­sen­de Defi­ni­ti­on von Fir­men­ri­tua­len nennen ?
Ritua­le im Busi­ness sind bewusst gestal­te­te, regel­mä­ßi­ge Hand­lun­gen, die emo­tio­na­le Ver­bun­den­heit, Sinn­haf­tig­keit und Wert­schät­zung erleb­bar machen. Sie ver­wan­deln Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter in begeis­ter­te Fans und schaf­fen jene magi­schen Momen­te, die Men­schen lang­fris­tig ans Unter­neh­men binden.

Gibt es neben den ein­gangs genann­ten Fir­men Riz Carl­ton und Hub­S­pot noch wei­te­re Bei­spie­le für erfolg­rei­che Rituale ?
Ja, etwa LEGO mit regel­mä­ßi­gen „Play Days“ für Mit­ar­bei­ter. Da kön­nen die­se selbst krea­tiv mit LEGO-Stei­nen spie­len, neue Ideen aus­pro­bie­ren und den Kern­wert „Spiel“ haut­nah erle­ben. Im Effekt wird die emo­tio­na­le Ver­bun­den­heit zur Mar­ke gestärkt, Krea­ti­vi­tät geför­dert sowie Team­zu­sam­men­halt und Inno­va­ti­on, und zudem wird die­se spie­le­ri­sche Leich­tig­keit auf die Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on über­tra­gen. Auch Sou­thwest Air­lines ist zu nen­nen, wo Flug­be­glei­ter Durch­sa­gen humor­voll und unter­halt­sam gestal­ten dür­fen. Das schafft eine locke­re, mensch­li­che Atmo­sphä­re an Bord, baut emo­tio­na­le Ver­bin­dung auf, redu­ziert Stress und macht Flü­ge zu erin­ne­rungs­wür­di­gen Erleb­nis­sen für Passagiere. 

red/czaak
04.04.2025

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